„Alls wäre man Teil eines Kafka-Romans“

Nina Kusturica vor einer Bar

Filmemacherin Nina Kusturica im Gespräch. Über ihre Fluchterfahrungen, Stereotype in der österreichischen Filmbranche und skurrile Wiener Call Shops. (Interview und Fotos: Dino Schosche)

Frau Kusturica, Sie sind in Mostar geboren, aufgewachsen in Sarajevo und 1992 als Flüchtling nach Wien gekommen. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an diese Zeit?

Der Wiener Südbahnhof. (lacht) Das war so ein Fixpunkt, weil wir dort in der Nacht angekommen sind. Wir sind immer wieder dort hingefahren, um Freunde abzuholen und zu treffen, um zu schauen wer angekommen ist und auch um Pakete nach Sarajevo zu schicken.

Diente Ihnen Ihre eigene Fluchterfahrung als Inspiration?

Ja, durchaus. Es hat aber ein paar Jahre gedauert, bis wir auch das Gefühl hatten, bleiben zu können. Man mag es kaum glauben, aber es fühlt sich an, als wäre man Teil eines Kafka-Romans. Als würden Paragrafen über dein Leben entscheiden.

Sind Ihre Werke Ihre persönliche Abrechnung mit den Wiener Behörden?

Ich glaube, dass in ganz Europa das Thema Fremdengesetz eines der komplexesten Gesetze ist. Es ist so undurchsichtig gebaut, dass das nur ganz wenige Fachleute überhaupt durchschauen können. Es ist aber auch die juristische Sprache, welcher man als Antragssteller machtlos gegenübersteht. Es ist mir wichtig davon zu erzählen – über die Absurdität der Begegnung eines normalen Menschen, der ein normales Bedürfnis hat, irgendwo mit einem Dach über dem Kopf und Arbeit leben zu können. Und das mit einem System, das eigentlich so gebaut ist, dass Menschen kleingehalten werden und nicht in die eigene Ermächtigung kommen, was ihren Lebensentwurf betrifft.

Sie haben einmal gesagt, eine Funktion Ihrer Filme sei es, Stereotype aufzubrechen. Klingt das nicht nach einer utopischen Zukunftsaussicht?

Schön, das ist es. Aber das Kino hat ja eine große Wirkung. Wir sehen etwas und glauben es meistens auch. Ich beschäftige mich oft damit, über welche Menschen ich erzählen und was ich dem Publikum glauben lassen soll. Das ist eine große Verantwortung. Beispielsweise existieren häufig Frauenrollen in Filmen nur, wenn sie über Männer sprechen. Oder auch Migranten und Migrantinnen – sie werden in Filmen häufig zu einseitig als Opfer oder Täter gezeigt, andere Geschichten dürfen sie nur selten tragen. Und ich will genau das ergänzen. Ich möchte andere Bilder von Menschen zeigen. Mir ist es wichtig, dass ich spezifische Individuen herausarbeite und aufzeige, dass zwei Ausländer nichts miteinander gemeinsam haben, bis auf die Tatsache, dass sie die Ämter bei MA35 gut kennen.

Sie erzählen in Ihrem neuen Spielfilm „Ciao Cherie“ über das Leben einer Call Shop-Besitzerin und derer Kunden. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Mich haben Call Shops so fasziniert, weil ich gesehen habe, dass hier im Kleinen eine Weltreise geschieht, weil sie eben um die ganze Welt telefonieren. Es geht um einen Austausch, um das Sprechen, es geht um die Distanz, die wir überwinden wollen. Mich hat in Ottakring auch speziell dieser eine Call Shop interessiert, weil er Wien in seiner besten, gemischten und bunten Form repräsentiert. Auch dass so viele Sprachen an einem Platz gesprochen werden und so viele Welten nebeneinander irrsinnig gut existieren können. Das ist eigentlich genau das, wovon ich erzählen wollte.

 Das klingt nach einer Wiener Parallelwelt.

Ich glaube nicht, weil wenn du an Parallelwelten denkst, implizierst du, dass eine Hauptwelt existiert und daran glaube ich nicht. Ich glaube, dass wir alle nebeneinander leben. Wir leben in einer so tollen Stadt, in der Diversität und Vielfalt in einer tollen Qualität vorhanden ist.

Was verstehen Sie unter Diversität?

Für mich ist Diversität, dass Menschen nicht in eine Schublade gesteckt werden, sondern nebeneinander existieren können. So wie sie sind und ihre Einzelbesonderheit verstanden, dass ihnen kein Mantel der Zugehörigkeit übergestülpt wird.

 Ich glaube, dass die Diversität sowieso existiert. Nur die Frage, die sich dann stellt, ist: Wie gehen wir damit um?

Ja, aber das ist in der Natur zum Beispiel für unseren Planeten lebenswichtig.

Ein Journalist der Zeit schreibt, dass „Ciao Cherie“ eine Art Road Movie sei, obwohl er einzig und allein in einem Call Shop spielt. Wie kann man sich das vorstellen?

Road Movie, weil wir über die ganze Welt telefonieren. Zum Beispiel bis nach Japan, Afghanistan, Somalia, Senegal und Rom. Das heißt, innerlich hören wir diese Stimmen der Menschen von überall. Die Kamera bleibt aber im Call Shop. Das Publikum stellt sich auch vor, wie sich das die Telefonist_innen auch vorstellen. Eben auch weil dieser Call Shop ein internationaler Ort ist, hat man das Gefühl, dass man auch einem super internationalen Flughafen sein könnte und dort auch diese Menschen trifft.

 Seit einigen Jahren setzen Sie sich für die Gleichstellung von Frauen in der Filmbranche ein. Gibt es schon Veränderungen?

Es tut sich was, wir sind im Umbruch. Es gibt Maßnahmen, wie mittlerweile das österreichische Filminstitut und auch einige Förderstellen von Wien, die sie umsetzen, um zu probieren ob sich was verbessert. Gleichberechtigung ist für die ganze Gesellschaft gut und nicht nur für die, die gerade benachteiligt sind. Weil wir dann alle aus einem viel reicheren Topf schöpfen können.

Sie sind nicht nur Regisseurin oder Autorin, sondern auch eine Unternehmerin. Weiblich und mit einem sogenannten Migrationshintergrund noch dazu. Ist das in Ihrer Branche ein Vorteil oder muss man mit Hindernissen rechnen?

Ich finde es überhaupt schwierig, Unternehmerin zu sein. Vor allem im künstlerischen Bereich. Wir erhalten auch eine Kunstförderung, aber laut Gesetz müssen wir unternehmerisch tätig sein um überhaupt diese Förderungen zu beantragen.

Das heißt, Sie sind Zwangsunternehmerin?

Ja, genau. Ein Wirtschaftskammermitglied. Einerseits finde ich es spannend, etwas gestalten und bewegen zu können. Andererseits finde ich, dass es in sehr vielen Etappen einfach nicht immer das richtige Modell ist. Ein Film hat keine Regelmäßigkeit wie eine Firma, wie ein personaler Betrieb. Aber das System des Unternehmertums ist für ein regelmäßige Ausgaben, Versicherungen, Verpflichtungen ausgelegt. Es ist also für ein anderes Lebensmodell gedacht. Aus diesem Grund finde ich das total unpassend. Noch dazu als eine selbstständige Frau, in der Kunstwelt und auch noch in Karenz. Eben auch, weil ich gar keine Unterstützungen erhalten haben, aber trotzdem meinen Laden aufrecht halten musste. Hätte ich nicht meine Familie, die hier in der Nähe ist, wäre es unmöglich.

Hätte es ein Mann ohne Migrationshintergrund in der Filmbranche als Produzent deutlich leichter?

Ja. Unsere Filmbranche ist keine diverse Landschaft, wir haben glaube ich nur zwei Prozent Kinofilm- Produzentinnen, ansonsten sind das alles Männer. Regisseurinnen gibt es schon mehr.

Das heißt, dass ich eigentlich in meiner Annahme, dass die Filme beziehungsweise Theater in Kunst Diversität als etwas Selbstverständliches sehen, falsch lag?

Das überhaupt nicht. Nicht in den Herstellungsprozessen und auch nicht in den Bildern, die wir sehen. Wir alle fördern Kultur. Aber die Kulturpolitik will etwas Exklusives, Weißes, Mitteleuropäisches. Es gibt jetzt ein paar neue Leute in Österreich, die auch wichtige Entscheidungen treffen und wichtige Budgets haben. Das sind zum Beispiel Martin Kušej im Theater, die neue Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler. Ich habe das Gefühl, und hoffe, dass diese darauf schauen werden und sich dann auch etwas verändert.

Schockiert es Sie, dass die #metoo-Bewegung aus Ihrer Branche kommt?

Nein, das schockiert mich nicht. Hollywood hat viel Macht und viel Sichtbarkeit. Es war irgendwie logisch, die Gesichter von Schauspieler und Schauspielerinnen sind so mächtig, weil man sie kennt. Wenn sie davon berichten, dann schauen die Medien hin, dann wird darüber erzählt. In jeder anderen Branche wäre das nicht durchgekommen, es hätte nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Das Kino hat jetzt die Chance die Welt zu verbessern.

Noch eine klassische Frage zum Schluss: Ist schon ein nächstes Projekt geplant?

Ja, ich mache ein Theaterstück für das Werk X in Wien – Kabelwerk im 12. Bezirk. Es heißt „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinhas, sie ist eine indisch-französische Autorin. Sie erzählt über den Alltag einer Übersetzerin, die bei einem Asylamt in Paris arbeitet. Ein ganz spannendes Stück. Wir haben am 13. Dezember Premiere.

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